Vom Anfängergeist, Mönchsgrasmücken und Handschuhsex

Ich habe einen Tag Urlaub und schon ist mir langweilig. Ich warte. In Reichweite liegt eine Zeitschrift. „Flow“ nennt sie sich und verspricht mir, „mehr Ruhe & Zeit in deinem Alltag zu finden.“ Ich habe Urlaub. Trotzdem blättere ich durch die Interviews, Übungen, Inspirationskärtchen. Worum geht es hier überhaupt. Mir ist immer noch einödig. Auf Seite 41 bleibe ich hängen bei dem Wort „Anfängergeist“. Der Achtsamkeitsnovize möge die Welt mit der Offenheit eines Kindes betrachten, nämlich mit Neugier und ohne Erwartungen. Jeder Moment erscheint dann als etwas Neues und Wertvolles. So nimmt der „Anfängergeist“ Möglichkeiten wahr, die der Normalogeist nicht gesehen hat in seiner Langeweile. In der Wohnung kenne ich alles. Ich laufe die Wohnung auf und ab wie jemand, der auf Einlass wartet. Im Flur bleibe ich ohne Grund stehen und starre ins Bücherregal. Mein Blick scrollt über die Buchtitel von rechts nach links. Ich hake mich ein bei Julio Cortazar. Vor sieben Jahren gekauft, angelesen, weglegt, vergessen. Warum kaufte ich das. Ein Zahlungsbeleg als Lesezeichen erleichtert mir das Aufschlagen. Ach, ich wollte damals Erzählungen mit phantastischem Einschlag schreiben. Mit dem Buch kehre ich zurück in den Sessel und lese. „Der Hals eines schwarzen Kätzchens“ erzählt von zwei behandschuhten Händen einer Frau und eines Mannes in der Pariser Metro, die sich an der Haltestange immer wieder kurz berühren, bis sie übereinander herfallen und die Finger sich ineinander verknäulen. Die Frau meint, sie könne nichts dagegen tun, ihre Hände führten ein Eigenleben. Am Ende steht der Mann nackt auf dem Flur vor ihrer Wohnung, sein Gesicht ist zerkratzt und sie hat ihn aus der Wohnung ausgeschlossen. Von der Lektüre aus meiner Langeweile befreit, gehe ich aus dem Haus ein Paket zur Post bringen. Auf dem Rückweg probiere ich es mit der Achtsamkeit. Nahe der Frankfurter Allee höre ich einem Park einen Vogel über mir singen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Gesang schon kenne. Das Bestimmen des Gesangs muss man üben. Am besten mit der „Naturblick“-App. Kein Zweifel – es war eine Mönchsgrasmücke, die der Lärm der Stadt und die Nähe des Menschen nicht stört, wie das Artportrait der App verrät. Begegnet war mir die Mönchsgrasmücke zuvor nur bei Jonathan Franzen (siehe meinen Beitrag https://karsten.home.blog/2020/04/19/die-vogelwelt-des-jonathan-franzen-in-das-ende-vom-ende-der-welt-teil-2/).

Eine Ecke weiter kann sich nahe der Bahngleise eine Krähe ungestört nach einem Bad sonnen.

Hoch oben sitzt eine Elster auf dem Stromkabel.

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Am Wegrand steht eine Gemeine Edeldistel, ein Kohlweißling rüsselt an einem Löwenzahn und Sperlinge versammeln sich an einem Haufen Haferflocken.

Eine Zitterpappel mit der Nummer 58 erregt meine Neugier.

Auf einem Riesenei heißt mich jemand auf der flachen Erde willkommen. Meine Langeweile hat sich verdrückt.

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Die Vogelwelt des Jonathan Franzen in „Das Ende vom Ende der Welt“ – letzter Teil: Antarktis

Im vorletzten Essay seines Buches „Das Ende vom Ende der Welt“ nimmt uns Jonathan Franzen mit auf eine Reise in die Antarktis. Hier begegnen wir vor allem Pinguinen, die sich vor Menschen nicht fürchten.
„Als ich mich auf den Boden setzte, kamen mir die Königspinguine so nah, dass ich ihre glänzenden, fellartigen Federn hätte streicheln können. Struktur und Farbe ihres Gefieders waren von einer Hyperfrische und Hyperlebendigkeit, wie man sie eigentlich nur wahrnimmt, wenn man unter Drogen steht.“ (Seite 236).

Königspinguine – Von Ben Tubby – flickr.com, CC BY 2.0

„Jeder liebt Pinguine. Wegen ihrer aufrechten Haltung und Bereitschaft, sich auf den Bauch zu werfen, ja wegen der schleudernden Gesten ihrer armgleichen Flossen, der Kürze ihrer Schritte, der Art, wie sie gehen oder verwegen auf ihren fleischigen Füßen trappeln, ähneln sie Menschenkindern mehr als jedes andere Tier, die Menschenaffen nicht ausgenommen.“ (Seite 236).

Höhepunkt der Reise ist die Sichtung eines Kaiserpinguins. „Als ich am Schauplatz ankam, richteten dreißig orange bejackte, stehende oder knieende Fotografen ihre Linsen auf einen sehr großen, sehr gut aussehenden Pinguin, der ihnen sehr nah war. “ (Seite 230) Kaiserpinguine werden zwischen 100 und 130 cm groß!

Kaiserpinguin Von Christopher Michel – Antarctica, CC BY 2.0

„Der Kaiserpinguin schien eine Pressekonferenz zu halten. Während hinter ihm eine Schar Adéliepinguine auftauchte, wachsam wie ein Betreuerstab, stellte er sich dem Pressekorps in gelassener Würde. Nach einer Weile gönnte er seinem Nacken eine gemächliche Dehnung. Dann demonstrierte er Gleichgewichtssinn und Beweglichkeit, meisterhaft, und ohne angeberisch zu wirken, kratzte er sich mit dem einen Fuß hinter dem Ohr, wobei er vollkommen aufrecht auf dem anderen stehen blieb. Und schließlich, als wolle er betonen, wie wohl er sich mit uns fühlte, schlief er ein.“ (Seite 230)

Adéliepinguin Von Jerzy Strzelecki – Eigenes Werk, CC BY 3.0

Eine Königspinguinkolonie erinnert Jonathan Franzen an eine schlaftrunkene Megalopole: „Auf den Durchgangsstraßen patrouillierten die Weißgesicht-Scheidenschnäbel, seltsame schneeweiße Vögel mit dem Körper einer Taube und den Gewohnheiten eines Geiers. Selbst die erstaunlichen Laute, die die Königspinguine von sich gaben – sich hochschraubende Fanfarenschreie, die ein bisschen wie ein Dudelsack, ein bisschen wie eine Partytröte und ein bisschen wie das Jaulender-Hund-Geräusch in manchen Flugzeugen klingen, aber eigentlich mit nichts, dass ich je gehört habe, vergleichbar sind -, hatten eine wohltuende Wirkung, wenn Tausende Pinguine in der Ferne sie zusammen von sich gaben.“ (Seite 238)


Das war der letzte Teil meiner Serie „Die Vogelwelt des Jonathan Franzen in ‚Das Ende vom Ende der Welt'“. Mir hat die Recherche viele visuelle Einblicke in Vogelwelten offenbart, die für mich geographisch unerreichbar sind. Das hat die Lektüre des Buchs zwar auch, aber die Bilder veranschaulichen die Vielfalt eindringlich. Zum Glück gibt es die Wikipedia, auf der Menschen ihre sensationellen Fotos zur Verfügung stellen. Ich hoffe ich habe den Copyrightangaben Genüge getan. Alle Fotos, die ich in der Beitragsserie verwendet habe, habe ich der Wikipedia entnommen.

Brüten, Füttern, Flüge

Die Vögel haben Hunger. Das ist abzulesen an dem Betrieb an der Futterstation. Wen ich nie dort sehe, ist das Amselpärchen, das im Efeu an der Terrasse brütet. Heute ist es mir gelungen, ein Foto von dem Weibchen zu machen. Das Foto ist stellvertretend für die vielen Anflüge der beiden mit vollem Schnabel. Immer sondieren sie vorher die Lage. So wie hier das Weibchen, das auf der Terrasse sitzt und mich durch die Terrassentür auf die Linse nimmt.

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Der Meisenkasten haben im dritten Jahr Kohlmeisen bezogen. Im letzten Jahr ist etwas schief gegangen. Als ich im September letzten Jahres den Kasten öffnete, fand ich folgendes:

In diesem Jahr sind deutlich mehrere Stimmen aus dem Innern zu vernehmen und die Elternvögel fliegen ein und aus.

Müssten nicht die Mauersegler zurück sein? Morgen bin ich im Büro in Berlin-Tempelhof, wo die Mauersegler noch Nistmöglichkeiten im 1944 erbauten Werk von Schaub-Lorenz finden. Ob ich welche sehe?

Von der wundersamen Vermehrung eines alten Weißbiers, treuen Zigaretten, der Mode der entblößten Brust und dem Auszug der Stare

Nach einer Fahrradtour am Tag der Befreiung dürstete mich nach einem Bier. Im Kühlschrank fand ich ein Weißbier meiner Lieblingsbrauerei. Da in diesem Haushalt weiblicherseits gerne alkohofreies Bier getrunken wird, studierte ich das Etikett, um sicher zu gehen, dass das Bier genug Alkohol enthielte, um meine Schmerzen in der Schulter und der Leiste, mit denen mein Körper mir signalisierte, 60 Kilometern seien untrainiert auf Anhieb zu viel gewesen, zu mildern. Ich bin es gewohnt, dass die Prozentangaben auf dem Etikett unten links stehen. Dort war aber nur die Information platziert, es handele sich um eine Pfandflasche. Im Umfeld dieser Information streifte eine Zahl meinen Aufmerksamkeitskegel: 2017. Mindestens haltbar bis. Abgefüllt 2016. Wie kann eine Flasche Bier so lange in einem Kühlschrank überleben? Es muss doch als Reduktionskörper für die Lagerfläche in diesen Jahren von mehreren Menschen Woche für Woche und Monat für Monat hin- und hergeräumt worden sein, und keiner prüft die Güte des Produkts? Bierflaschen schimmeln und stinken nicht. Also hatte diese Flasche eine Kühlschrankodyssee und ein Mindesthaltbarkeitsdatum hinter sich. Ich war so geil auf das Bier. Ich wagte die Öffnung. Golden und schön trüb floss es in den Weißbierkelch. Die Hefe flockte etwas, aber ich war gespannt. Es war ein Genuss!

Einen Tag später hatte ich nach der Gartenarbeit schon wieder Lust auf ein Bier. Neues war kurz vor Feierabend eingekauft, aber wie Kühlschränke so sind, die frisch mit Einkäufen befüllt sind – es fehlt einem die Orientierung. Siehe da! Im Türfach steht ein Weißbier! Das habe ich dort nicht hingestellt. Ein Blick auf das Etikett verriet: Hurra! Jahrgang der Mindesthaltbarkeit 2017! Zwei Flaschen haben in diesem Kühlschrank an die vier Jahre im Dunkeln ein widernatürliches Dasein gefristet und feiern im Mai 2020 ihre Wiederauferstehung und fahren gen Himmel!

Wer auf eine weitere wundersame Vermehrung am Sonntag hoffte, ward enttäuscht. Trotzdem geschah wundersames. Auf Spiegel-Online las ich heute morgen, der Mensch sei glücklich, wenn er grüne Pflanzen sehe. Ich habe den Artikel nicht einmal diagonal gelesen – gleichwohl bemerkte ich seine Banalität. Doch das Gefühl, über Texte hinweg zu hasten, erinnerte mich an Essen ohne Genuss. Der Artikel handelte von exotischen Zimmerpflanzen und er kostete nichts. Außer Aufmerksamkeit. In der SZ vom 9/10.05.2020 verrät Collien Ulmen-Fernandez im Familientrio, sie erlebe an sich selbst oft den „Schnipselterror der Zehnsekundenaufmerksamkeit“ und könne manchmal nur noch „Teaser“ und „komprimierte Kurzinhalte über sich ergehen lassen“. So geht mir das auch und ich glaube, ich sollte von Spiegel-Online die Augen und das Gehirn lassen. Trotzdem freue ich mich, wenn ich organisches Grün sehe. Bestes Beispiel: der Ficus, der mich seit 27 Jahren begleitet, sieht jetzt so aus.

cof

Um diesem Anblick zu entgehen, setzte ich mich zu den Vergiss-Mein-Nicht und las „Kaffe & Zigaretten“ von Ferdinand von Schirach. Der Kater fand sich zu meinen Füßen ein. Das Leben kann so einfach sein.

Bei von Schirach fand ich einiges, dass der Be-und Vermerkung bedarf. „Oft wird gesagt, die beste Zigarette sei die nach dem Sex. Das stimmt natürlich nicht, diese Zigarette ist genauso wichtig wie alle anderen. Zigaretten sind die Verbündeten des Rauchers, sie begleiten ihn in seinen Triumphen, sie sind in seinen Niederlagen bei ihm, und sie enttäuschen ihn nie.“ (Seite 69)

Die Miniaturen und kleinen biographischen Erzählungen handeln von der Kürze des Lebens, den verpassten Abzweigungen, der Unsicherheit der Wahrnehmung und vom Genuss. Die japanische Pianistin, die wenig später an einem Gehirntumor stirbt, verrät ihm ihr Lieblings-Haiku:
„Mal zeigt es die Rückseite
mal die Vorderseite,
ein Ahornblatt im Fallen.“

Auf Seite 144 berichtet Schirach von der Zusammenführung des Diptychons von Melun. In der Gemäldegalirie in Berlin hängt der eine Teil, der zwei Männer darstellt, die ins Leere starren, denn der andere Teil hängt ja in Antwerpen. Auf dem anderen Teil hat Jean Fouquet Agnés Sorel dargestellt. Sorel war im 15. Jahrhundert die Geliebte des französischen Königs und galt als die schönste Frau der Welt.


500 Jahre später betrachtet, sehe ich eins der heutigen Zeit ähnelndes Schönheitskonzept: anatomisch widernatürlich Schlankheit und operierte Brüste! Doch diese Farben – und die Weigerung, das Kind zu stillen! Sorel soll eine Mode am französischen Hof eingeführt haben: die entblößte Brust! Ich konnte mir kaum vorstellen, dass Umberto Eco dieses Kapitel des Schönheitsideals in seinem Buch „Die Geschichte der Schönheit“ ausgelassen haben könnte, doch fand ich keinen Hinweis und keine Abbildung.V

Genug der Abschweifungen. Trotz meiner Entdeckungen aus einer ruhigen Lektüre eines Buches, konnte mir nicht entgehen, dass heute keine Stare mehr den Nistkasten anflogen. Kein Flugverkehr mehr den gesamten Tag. Mit dem Besen habe ich gegen den Kasten gestupst, um eine Reaktion im Innern zu provozieren. Nichts. Mein Vogeltagebuch und Wikipedia befragt, komme ich zu dem Ergebnis: Am 4. April haben die Stare Nistmaterial in den Kasten geschafft; am 28. April wurde bereits gefüttert; wir haben den 10. Mai – zwei Wochen wird gebrütet, drei Wochen gefüttert – die Stare sind ausgeflogen und ich sehe sie nirgendwo, von einem Tag auf den anderen. Ich hätte die Jungvögel gerne gesehen.



Ge(p)flogenheiten pubertierender Küken

Gestern ist es mir gelungen, das Amselküken, das Mitte April das Nest verlassen hat, zu fotografieren. (Ich berichtete in meinem Beitrag „Was einer im Frühling denkt“ https://karsten.home.blog/2020/04/13/woran-einer-im-fruhling-denkt/)
Nunmehr ist das Küken zu einem Jungvogel herangewachsen, der sich in seiner Größe mit den adulten Eltern messen lassen kann. Das Gefieder ist noch anders gefärbt als bei den Eltern, vor allem unterscheidet sich das Verhalten. Sind die adulten Vögel permanent auf Nahrungssuche, turnt der Jungvogel eher ziellos herum, badet gern und wartet. Essen will gelernt sein. Meine Fotos geben einen Eindruck davon, wie der Jungvogel dem Vater zuschaut und in erster Linie darauf zu warten scheint, gefüttert zu werden. Den Moment des Fütterns habe ich leider nicht fotografieren, aber beobachten können. Die Fotos erwecken den Eindruck, der Jungvogel täte nichts, außer dem Vater zu folgen. Vergleichbar also mit den Gepflogenheiten mancher Pubertierender, die am Tisch sitzen und auf das Essen warten, ohne den Tisch gedeckt zu haben geschweige denn, ihr Geschirr wegzuräumen.


Ich bin ein Star – ich will hier rein

Heute habe ich mich auf die Lauer gelegt, um die im Garten nistenden Stare im Anflug auf den Nistkasten zu fotografieren. Das Geräusch der auslösenden Kamera hat den Vogel irritiert, dass er den Fütterungsversuch abbrach und mich auf die Linse genommen hat.

Beim nächsten Anflug – vielleicht war es auch der Partnervogel – gab es dann doch eine Fütterung.

Die Stare nisten etwas abseits im Walnussbaum, wo ich nicht vorbeigehe. Die Amseln dagegen haben sich im Efeu am Haus über der Terassentür eingenistet. Inzwischen sind auch dort die Küken geschlüpft und die Eltern fliegen das Nest häufig an. Inzwischen habe ich das Gefühl, eine Störung im eigenen Garten zu sein. Die Amseln trauen sich nicht, das Nest anzufliegen, wenn ich auf der Terrasse bin. Den Kater wiederum halten sie augenscheinlich für berechenbar, denn dessen Anwesenheit hindert sie nicht. Sie sind sich wohl sicher, dass er nicht fliegen kann. Sehe ich aus wie ein Vogel, dass sie mir das Fliegen zutrauen. Sorge bereitet mir der Gedanke an die Zeit, wenn die Küken flügge werden und dem Kater auf dem Präsentierteller landen.

cof

Die Vogelwelt des Jonathan Franzen in „Das Ende vom Ende der Welt“ – Teil 4 – Von Albatrossen und Mäusen

Für das kommende Wochenende ruft der NaBu wieder zur Stunde der Gartenvögel auf. Zu den Vogelarten, die wir dann in unseren Gärten zählen werden, gehören nicht die Meeresvögel, von denen Jonathan Franzen in seinem Essay „Unsichtbare Verluste“ berichtet. Meeresvögel leben in entlegenen Gegenden und verbringen ihr Leben über und am Meer. So rücken sie selten in den Fokus unserer Wahrnehmung. Jonathan Franzen fragt sich sogar, ob die Menschheit deren Verschwinden überhaupt bemerken würde.
Die Farallon-Inseln, eine Gruppe Inseln vulkanischen Ursprungs vor der Küste Kaliforniens, hat er im Juni 2017 besucht.

Trottellummen gehen feste Paarbindungen ein und werden bis zu 30 Jahre alt. Sie beanspruchen ein nur ein wenige Quadratzentimeter großes Revier innerhalb einer Kolonie, in der sie ein einziges Küken im Jahr großziehen. Umso drastischer war die Situation der Trottellummen vor Kaliforniens Küste, als 1849 der Goldrausch in San Francisco ausbrach. Die Stadt wuchs, doch es gab aber keine Geflügelfarmen, die Eier produzierten. Also sammelte die Farallone Egg Company eine halbe Million Trottellummeneier pro Jahr zur Nahrungsversorgung der Stadt. Irgendwann hörte der Eierdiebstahl auf, aber von Leuchtturmwärtern mitgebrachte Katzen und Hunde dezimierten die Anzahl weiter. 1910 gab es auf den Inseln nur noch 20000 Trottellummen. 1969 wurde die Hauptinsel Naturschutzgebiet und die Population erholte sich, bis sie Anfang der 80’er Jahre wieder einbrach. Ursache war das Aufkommen der Kiemennetzfischerei, bei der ein sehr großes Netz benutzt wird, um wahllos Fische zu fangen. Ins Netz gehen auch die Tauchvögel.

Die Lummenliteratur weiß von einer Trottellumme zu berichten, deren just gelegtes Ei einen Abhang hinunterrollt. Eine Möwe bemächtigt sich des Eis, bekommt es aber nicht hinuntergeschluckt und würgt es wieder aus. Das Ei rollt auf eine andere Lumme zu, die sich prompt darauf setzt, um es zu bebrüten. Wenn Trottellummen kein Ei haben, bebrüten sie gerne einen Stein. Sie sind also manische Brüter.

Eine andere Insel, die Jonathan Franzen besucht, liegt im Südatlantik und heißt „Gough“. Die gesamte Weltpopulation des Schlegelsturmvogels lebt dort sowie fast alle Paare des Tristanalbatros, der vom Aussterben bedroht ist.

Schlegelsturmvogel
Tristanalbatros Von michael clarke stuff – Tristan Albatross, CC BY-SA 2.0

Hauptfeind der Vogelpopulation auf Gough sind Mäuse. Sie fressen die Küken, berichtet Franzen. Ein zehn Kilo schwerer Tristanalbatros kann eine Maus nicht daran hindern, sein Küken zu fressen, weil diese Meeresvögel keine Abwehrmethoden gegen Landtiere entwickelt haben. Die Mäuse wurden auf der entlegenen Insel erst im 19. Jahrhundert von Walfängern eingeschleppt.

Bald ist die Reise mit Jonathan Franzen und damit mein Projekt beendet. Es folgt noch Teil 5 – eine Reise in die Antarktis.