Bei meinen Recherchen nach Katzenzeichnungen fand ich einen Text von 1927, verfasst von Axel Eggebrecht. Der Text behandelt eigentlich die Form der Katze, kann es sich aber nicht verkneifen, subtile Kulturkritik einzuflechten.
Der Text beginnt so:
„Das Wort Katze dringt an dein Gehörzentrum. Was für ein Bildüberfall geschieht da? Was fühlst Du noch vor dem ersten Gedanken? Wie sieht die Katze in der platonischen Idee aus? Etwa grau, schwarz oder gefleckt?“

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Ich unterbreche an dieser Stelle den Autor, um den Lesern die Möglichkeit zu geben, dieses Gedankenexperiment durchzuführen, während ich es selbst gerade vollziehe.
Das Wesentliche einer Katze ist in meinem Gedankenexperiment die Pfote! Von der Pfote der Katze aus kann man das ganze Wesen erfassen: ihren Gang, ihre Krallen, die Zunge. Nur die Augen nicht…
Eggebrechts Antwort lautet:
„Nein, es ist etwas Rundes, Weiches, Geschmeidiges. Denn dies ist kein Tier der Farbe. Alles Wesentliche an ihr ist Form. Eine herrliche amoralische Leere liegt in ihren Augen (…) von beunruhigend vollkommener Kreisrundung oder abgemessenem Oval. In diesem geschlossenen Körper drängt kein Knochen sich bis zur Bemerkbarkeit vor, er ist höhlenlos gerundet (…).
Aus der höhlenlosen Rundung setzt Eggebrecht zu einem kühnen Sprung zum Charakter des deutschen Volks an. Man bedenke, wir schreiben das Jahr 1927, in dem das „Völkische“ noch eine ernsthafte Kategorie ist.
„Diese Unproblematik (höhlenlose Rundung=Kugel, Anm. von mir) erklärt vielleicht manches von der Gleichgültigkeit, mit der die problemseligen, formverachtenden Deutschen die Katze behandeln, im Vergleich zu anderen Völkern. Den Ägyptern aber, die zur Form beteten, mußte dieses Tier heilig sein.“

Kater neben den gesammelten Werken von Oberproblematiker Hegel
Ich habe mal im Internet eine Statistik ausgerufen (https://de.statista.com/statistik/daten/studie/454087/umfrage/katzen-in-europa-nach-laendern/). Demnach leben in Deutschland doppelt so viele Katzen als Haustiere als in Italien. Ich denke, kein Mensch, egal welcher Nation, kann sich dem Problem „Katze“ entziehen – egal ob als Liebhaber oder Hasser-, nämlich aus dem Grund, den Eggebrecht als nächstes aufführt:
„Und dieser Körper, rätsellos und rätselhaft glatt zugleich, gehört dem abgründigsten unserer Tiere, in dessen unverständliche Seele wir nicht eindringen (…) Die Tiere um uns verkümmern unter dem unnatürlichen Zwang unserer sittlichen Vorschrift. Die Katze blieb als letzte, göttliche Inkarnation der Morallosigkeit, sie gehorcht nicht, sie hält nicht viel von Treue, der Fleiß ist für sie noch nicht erfunden – und sie ist herrlich schön wie am ersten Tag, noch ganz vollkommen, gesättigt in ihrer Trefflichkeit (…). Das Pferd springt auf den Sporenschlag in den Abgrund, der Hund kuscht dem läppischen Kretin unter die Peitsche, aber die Katze läßt sich nicht von der mildesten Herrin das Naschen abgewöhnen.“

Kater auf Zeitung – man beachte die Schlagzeile! – sinnlos, Katzen anzurufen
Stimmt, ich kann kein Käsebrot unbeaufsichtigt auf dem Tisch stehen lassen, ohne befürchten zu müssen, dass der Kater die Käsescheibe aus der Stulle krallt und aufisst. Joghurt esse ich nur noch mit 100 Meter Abstand, weil dieses Tier das Abziehen des Aludeckels vom Becher hören könnte und sekundenschnell zu Stelle wäre, um seinen Tribut zu fordern. Wegen der Schwierigkeit hundert Meter Abstand zu halten, kommt es häufiger zum Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums des Joghurts, der im Kühlschrank auf reine Luft wartet.

Kater braucht kein Streichholz um am Unsinn zu zündeln
Als letzten Satz zitiere ich eine wundervoll-widersprüchlich, aber katzenhaft-trefflich formulierte Liebeserklärung von Eggebrecht:
„Der Hund hat das Abitur der Menschlerei gemacht, in die Unabhängigkeit zurückgestoßen, geht er zugrunde. Die Katze ist eine anarchistische Aristokratin mit gesundem proletarischem élan vital.“



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