Schneekönig oder The Great Pretender

20 x 20 cm, Acryl auf HDF

Kaum ein Vogel ist in Märchen und Sprichworten so präsent wie der hierzulande recht kleine Zaunkönig. Sein Name rührt von der Fabel Aesops her, die auch die Grimms in ihre Märchensammlung aufgenommen haben. Die Geschichte lautet ungefähr so:
Im Mai kam es den Vögeln aus unerfindlichen Gründen in den Sinn, einen König unter ihnen zu bestimmen. Nur einer war dagegen: Der Kiebitz wollte sich niemandem unterwerfen. Er flog ins Exil der einsamen und unbesuchten Sümpfe, wo er heute noch verweilt. Unter den Vögeln, die sich versammelt hatten, war auch ein kleiner, der noch keinen Namen hatte. Königliche Hoheiten zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Gewöhnlichen in bestimmten Eigenschaften übertreffen und daher souverän sind, wie wir aus der Serie „The Crown“ wissen. Vögel können fliegen, das ist bei ihnen gewöhnlich. Wer darin alle anderen in der Höhe überträfe, solle König sein, beschloss die Versammlung. Um Wettbewerbsverzerrungen durch Schummeleien auszuschließen, begann die Konkurrenz umgehend. Alle Vögel schraubten sich in die Höhe, der Himmel verdunkelte sich unter der Vielzahl flatternder Adler und Buchfinken, Eulen und Krähen, Hühner und Kuckucke. Niemandem fiel das Fehlen des kleinen namenlosen Vogels auf. Viele der kleineren Vögel und weniger begabten wie die Hühner, fielen bald wieder zu Boden. Ein Adler stieg so hoch, als wolle er der Sonne die Augen aushacken. Bald bemerkte er, dass ihm keiner mehr folgen konnte und begann mit dem Sinkflug. Die Unterlegenen jubelten dem Sieger schon zu, als sich der namenlose kleine Vogel aus seinem Versteck im Gefieder des Adlers herausstahl und so hoch hinaufflog, als ob er Gott auf dessen Thron besuchen wolle. Wieder auf dem Boden schrie er vergnügt: „König bün ick!“. Die anderen Vögel waren sauer. Der Wettbewerb wurde annulliert und die Versammlung beschloss, König solle der werden, der am tiefsten in den Boden fallen könne. Bei dieser Disziplin waren die Vögel im Vorteil, die keine guten Flieger sind: Der Hahn scharrte flugs ein Loch, die Ente sprang in einen Graben, wobei sie sich einen Fuß verrenkte, der kleine namenlose Vogel aber sprang in ein Mauseloch und rief: „König bün ick!“

Nun waren die anderen Vögel so richtig auf der Palme und urteilten, der kleine namenlosen Vogel solle in dem Mäuseloch gefangen gehalten werden. Der Eule befahl man, den Betrüger zu bewachen und auszuhungern. Es war schon Abend, alle waren von dem Wettbewerb und den Querelen erschöpft. So gingen bis auf die Eule alle nach Hause und schliefen sich aus. Auch die Eule dachte bei sich, ein Auge könne sie wohl schließen und mit dem zweiten den kleinen Betrüger bestens überwachen. So wollte sie über die Nacht das eine Auge mit dem anderen abwechseln. Bei einem der Wechsel vergas sie, das andere Auge wieder zu öffnen und schlief ein. So entkam der kleine unbenannte Vogel. Beide – die Eule und der Betrüger – waren fortan nicht gut gelitten bei den anderen Vögeln. Die Eule fliegt seitdem nur nachts aus, weil sie den Zorn der anderen tagsüber fürchtet. Der kleine namenlose Spielverderber lässt sich nicht gerne sehen, weil er fürchtet, es ginge ihn an seinen ohnehin kurzen Schwanz. Er schlüpft zwischen den Zäunen herum und nur wenn er sich ganz sicher wähnt, ruft er „König bün ick!“. Deswegen spotten ihn die anderen Vögel herablassend „Zaunkönig“.
(Nacherzählt unter Verwendung einiger Wendungen aus dem Märchen „Der Zaunkönig“, Nr. 171 der Grimmschen Sammlung).

Der Zaunkönig wird in einigen Regionen auch „Schneekönig“ genannt, nicht weil er Schnee gerne mag. Im Gegenteil: der Winter ist für den Zaunkönig eine schwere Zeit, denn seine Nahrung besteht aus allem, was sechs oder acht Beine hat. Insekten und Spinnen sind im Winter schwer zu finden. Wo findet der Zaunkönige im Winter seine Insekten- und Kerbtiernahrung? Zum Beispiel in Kaminholzscheiten (Lieckfeld/Strass Mythos Vogel, Seite 189). Er passt mit seiner Größe von 9,5cm und seinem kurzen Schwanz überall dazwischen. Seine Widerstandsfähigkeit im Winter hat dem Vogel den Titel „Schneekönig“ eingebracht. Wer sich freut wie ein Schneekönig , den verlässt seine gute Laune selbst im Winter nicht (Schmid – Vögel zwischen Himmel und Erde, Seite 234). Wenn es zu kalt wird, stellen Zaunkönige ihr ausgeprägtes Revierverhalten zurück und versammeln sich zu Schlafgemeinschaften von bis zu 25 Vögeln, im Kreis sitzend , Kopf nach innen, Schwanz nach außen (Schmid, ebd.).
Seine gute Laune zeigt sich auch in der Sangeswut des Männchens. Eine Strophe dauert fünf bis sechs Sekunden und besteht aus: Einleitung-Schmettertour-zweite Schmettertour-Zwischentöne-Roller (Schreiber – Tiere auf Wohnungssuche, Seite 225). Der Durchschnittwert des Gesangs liegt bei 4000 Hertz, das entspricht dem höchsten Ton eines Klaviers und ist bis zu 500m weit zu hören, weil er bis zu 90 Dezibel erreicht – die Lautstärke eines schweren Lastwagens (Schmid).

Die Verschlagenheit dieses Vogels zeigt sich in seinem Verhalten bei Balz und Brut. Das Männchen baut sogenannte Spielnester (Wegweiser durch die Natur – Vögel Mitteleuropas, Seite 230), manchmal bis zu 10 Stück, die wie Reihenhäuser nahe beieinander liegen können. Es folgt eine kombinierte Braut- und Bauschau (Schmid). Das Männchen begleitet das Weibchen wie ein Makler zu den Rohbauten und preist jedes an, indem er singend hinein- und hinausschlüpft. Kann er das Weibchen überzeugen, folgt die Paarung. Das Weibchen richtet eines der Rohbauten als Brutnest her und polstert es aus. Wer mehrere Nester zu bieten hat, muss sich mit einer einzigen Familie nicht begnügen. Das Männchen hat meist mehrere Weibchen nebeneinander, kümmert sich aber kaum um die Aufzucht der Jungen (Vögel Mitteleuropas ebd.), obwohl die Aufzucht Schwerstarbeit für das Weibchen ist. Nach dem Schlüpfen wiegen die Jungen zunächst 1 Gramm, nehmen aber jeden Tag ein Gramm zu, so dass sie nach acht Tagen schon so viel wiegen wie die adulten Vögel (Das große Vogelbuch in Farbe, Seite 235). Dazu sind acht Fütterungen pro Stunde notwendig, kurz vor dem Ausfliegen werden es 25 sein (Schmid, ebd.).

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