Vom Brotlaibgewissen und Kleiderspenden

Meine Frau fragte mich heute am ersten Tag meines dreiwöchigen Urlaubs, der mich von den beruflichen Verpflichtungen, in denen ich mich in den letzten Wochen verfangen habe, Abstand nehmen lassen soll: „Sag mal, hast Du nicht Lust, die aussortierte Kleidung zur Sozialstation zu bringen?“ Meine Stimmung rutschte in einen nie gesehenen Keller (Genazino – Außer uns spricht niemand über uns, 2016, Seite 7).
Es war ja nicht so, dass ich in Langeweile versunken nicht wusste wohin mit mir, sondern das Hörbuch zu Kafkas „Das Schloss“ hörte, um herauszufinden, ob wir es weggeben sollen. Ich willigte ein, weil ich nicht zu den Menschen gehören wollte, die aus jeglicher Regung zwischen den Geschlechtern eine unausweichliche Sprechstunde machen mussten (Genazino, ebd. Seite 83).

Mit drei großen Papiertüten und einem Rucksack, der ebenfalls für uns überflüssig geworden ist, weil andere an seine Stelle traten, fuhr ich los zur Sozialstation in der Frankfurter Allee. Ich fühlte, dass mein Innenleben auf Flucht angelegt war (Genazino, ebd. Seite 54). Ich begann, mit dem Gedanken zu spielen, die Tüten einfach irgendwo abzulegen. Ins Gebüsch, nahe der Bahntrasse, dort, wo andere Leute ihre ausgedienten Möbel oder Schutt ablegen. Warum wählen die Leute diese Nischen, um ihren Müll zu entsorgen? („Ach, seid ihr Leute!“ sagte K. (Kafka, Das Schloß, Seite 25)) Unter dem moralischen Strich sah ich keine gute Bilanzierungsmöglichkeit für ein solches Vorhaben: ich müsste Zeit meines restlichen Lebens mit einer Lüge umgehen.
Vor der Sozialstation wartete ich mit den Tüten, nachdem ich die aktuellen Regeln studiert hatte: nicht mehr als zwei Personen – Alkoholisierte haben keinen Zutritt – Abgabe von Lebensmitteln in normalen Mengen. Durch das Schaufenster sah ich Zeug: Geschirr in einzelnen Teilen, Plastikpalmen, Eierbecher. Draußen stand ich mit unserem Überfluss, der uns überdrüssig geworden ist, von dem wir glauben, andere könnten ihn sich nicht leisten, aber brauchen.
Ich fühlte das kleine Mysterium des halben Brotlaibes, der unterhalb meiner Tischlampe lag. Wenn ich zu wenig aß oder zu viel einkaufte, trocknete das Brot ein und begann, eines seiner vielen Geheimnisse mitzuteilen. Sie liefen oft darauf hinaus, das ich, der essende und betrachtende Mensch, plötzlich Schuld empfand. Die Brotschuld war süß und kindlich, weil ich, der schuldig Gewordene, die Kraft nicht verstand, die von einem halb getrockneten Brot ausging. (Genazino, ebd, Seite 85)
Eine solche Brotschuld umfing auch mich vor dem Sozialladen, weil mir aufging, dass ich im Begriff war, etwas ethisch Fragwürdiges zu tun. Der Wille war nicht, etwas abzugeben, sondern es los zu werden. Der Sozialladen wurde in meinem Hinterkopf zum Gebüsch an der Bahntrasse, wo die Sachen landen, die wir bequem loswerden wollen, damit wir uns in unseren neuen Sachen wohlfühlen oder Platz für erneuten Konsum haben. Das Spenden wirkt wie ein Schleier, durch den wir uns als großherzige Wesen sehen.
Ein Mann, bekleidet in weißem Hemd und schwarzer Weste, die Lesebrille an einer Kordel über der Brust schwingend, trat vor den Laden, um meine Spenden in Empfang zu nehmen, freute sich aber sichtlich. War der Dialog rituell oder versteckte sich darin ein leiser Vorwurf?
Er: Na, haste deine Klamotten aussortiert?
Ich: Nein, meine Frau.
Er: Und nu haste nüscht mehr anzuziehen?
Ich: Doch, ich schon. Aber meine Frauen nicht.
Er: Brauchste von den Tüten was zurück?
Ich: Nee.
Er: Na dann, bis zum nächsten Mal. Und bleib‘ gesund.
Ich: Sie auch.

Ich erstatte diesen Bericht nicht aus moralischen Gründen. Es geht mir um Selbsthilfe. Ich sortiere meine Romane aus (siehe auch mein Beitrag Bücher – Ein-, Aus- und Abseitiges (home.blog). Ich habe acht Bücher von Wilhelm Genazino. Meine Frau ist ein kluger Mensch, daher sagte sie, eines der Bücher von Genazino reiche auch aus. Ich bin ein vorsichtiger Mensch und denke: eine gewisse Anzahl reicht aus, denn bei Genazino -wie bei anderen Autoren auch- drehen sich die Erzählungen um einen immer wiederkehrenden Angelpunkt. Welches der Bücher kommt also wieder ins Regal und welches wird ausgesetzt? Die Sache ist nicht entschieden. Dieser Beitrag handelt im Grunde davon, dass ich bei dem Buch mit dem schönsten Umschlagmotiv hängen blieb, im Buch blätterte und meine Anstreichungen wiederfand, die im Beitrag verbaut sind und daher repräsentieren, warum ich seine Bücher mag. Und doch sind es von 155 Seiten nur wenige Textstellen, die ich nun abfotografiert und abgeschrieben und hier zitiere. Bei der Durchsiebung des Romanregals wurde mir klar:
Der Mensch ist ein löchriges Netz, durch das alles, was er hat, wieder hindurchfällt. Auf diese Weise entsteht das Problem der ewigen Suche. (Genazino, ebd. Seite 124).
Ich suche also die allzeit gültigen Romane meines Lebens. In etwa 7 Meter davon sind als Kandidaten in dieser Woche ausgeschieden. Ungefähr acht Meter bleiben noch.
Ich geriet in eine sonderbare Schleuderstimmung…Es würde jetzt nicht lange dauern, dann würde mich eine mittlere Hysterie erfassen und mir einflüstern, dass alles um mich herum heimlich abstarb; ich würde allein übrig bleiben und genau diese Verlassenheit dann nicht begreifen. (Genazino, ebd. Seite 50).
Manches Buch nehme ich in die Hand und frage mich, ob ich es jemals gelesen habe: keine Eselsohren, keine Anstreichungen, keine Spuren der Lektüre. Andere, wie dieses von Genazino, sind voll von Anstreichungen. Es fühlt sich an wie eine biographische Amputation, sie wegzugeben. Meine Frau ist ein kluger Mensch. Sie sagt, es gebe Millionen von Textzeilen. Welche davon betreffen Dich?
Ich konnte nur schwer hinnehmen, dass etwas vorübergegangen war; spät erst hatte ich erkannt, dass es sich um Zeit handelte. Deswegen wollte ich wenigstens bedeutsam sein, denn nur die Betrachtung vorüberziehender Bedeutsamkeit rettet den einzelnen vor der Zeit. Bedeutsamkeit lag überall herum und schaute zu, wie sie nicht erkannt wurde. (Genazino, ebd. Seite 129).
Es ist in Genazinos Romanen wie in meinem Leben: Die Frauen sind klüger als der männliche Protagonist. Obwohl: Auch meine Frau hat Buchleichen im Keller….

3 Antworten zu „Vom Brotlaibgewissen und Kleiderspenden“

  1. Avatar von wolkenbeobachterin

    welch grandiosen text du hier geschrieben hast! ich habe ihn mit begeisterung und gespannter neugierde gelesen. ganz wunderbar!
    deinen erwähnten und vielzitierten autoren habe ich noch nie gehört, aber die zitate machen mich neugierig.
    bücher ausmisten ist manchmal nicht leicht, das stimmt. ich kenne das auch und mache es doch immer wieder. wie auch andere dinge.
    das bild über dem beitrag ist auch großartig! ein stilleben das mich wirklich sehr begeistert, obwohl ich ansonsten eher nicht so ein fan davon bin. aber das oben, ist wirklich das schönste stillleben, das ich jemals gesehen habe. von wem ist es?
    komm gut durch den tag und danke für diesen deinen beitrag.
    liebe grüße, m.

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    1. Avatar von wolkenbeobachterin

      p.s.: erholsamen urlaub dir.

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    2. Avatar von muellerkarsten

      Nicht wahr, schon wegen des Stilllebens ist es schwer, das Buch wegzugeben. Es ist nämlich das Bild auf dem Umschlag des Buches. Es handelt sich um ein Werk von Agostinho José da Mota, wie dem Klappentext zu entnehmen ist. Ich kannte den Künstler bisher auch nicht. Ich habe auch noch herausfinden können, in welchem Museum es vielleicht hängt. Andere Werke von ihm, die auf wikipedia zugänglich sind, finde ich nicht so herausragend. Ich könnte Dir eines von meinen Büchern von Genazino schenken, falls Du Interesse hast.

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