Traumgewebe Paris

„Wer eine Stadt betritt, fühlt sich wie in einem Traumgewebe.“ (Ferdinand Lion: Geschichte biologisch gesehen, zitiert nach Walter Benjamin: Das Passagen-Werk, Band 1, Seite 546).
„Die Gipfelpunkte der Stadt sind ihre Plätze, in welche nicht nur radial viele Straßen, sondern ihre Geschichtsströme einmünden. Kaum sind sie in ihn eingeströmt, so werden sie umfaßt, die Platzränder sind die Ufer, so daß schon die äußere Form des Platzes Bescheid gibt über die Geschichte, die sich auf ihm abspielt“(ebd.).
Der Place Charles de Gaulle ist so ein Ort. Zwölf Straßen münden auf ihm und in seiner Mitte steht der Triumphbogen.

aus: Christo und Jeanne-Claude: L’arc de triomphe, wrapped, 2021, Seite 27.

Der Arc de Triomphe ist nun nach den Plänen von Christo verhüllt. „So schön verpackt wird aus dem Denkmal ein Geschenk“, schreibt die Süddeutsche Zeitung in ihrer Ausgabe vom 20.09.2021, Nr. 217. Der Triumphbogen wirke wie eine Skizze seiner selbst, „als sei das massive, etwas morbide alte Ding entfernt und durch einen nur mit Bleistift ausgeführten Entwurf ersetzt worden“ (ebd.).

selbst aufgenommen am 18.09.2021

Derzeit strömen Menschen auf den Place Charles de Gaulle, um sich und das verhüllte Bauwerk zu fotografieren, zu staunen, das Textil anzufassen und sich ästhetisch zu erfreuen. Die Besucherströme überbieten die von Ferdinand Lion erwähnten „Geschichtsströme“: Nach den Ideen von Napoleon als Ort für militärische Siegesfeiern und als Symbol für ein Imperium nach römischen Vorbild erbaut, hat der Triumphbogen 1921 nach dem Weltkrieg eine Umwidmung erfahren, die ihres gleichen sucht. Stellvertretend für die französischen Opfer des Weltkriegs wurde unter dem Triumphbogen ein namenloser Soldat bestattet. Jeden Abend um 18:30 Uhr wird die Flamme, die an dessen Grab brennt, neu entfacht. Ich weiß nicht, was Adolf Hitler dachte, als er mit Albert Speer und Arnold Breker (was hatte der Breker da zu suchen!) am Morgen des 13. Juni 1940 den Triumphbogen besuchte, aber an dieser Stelle zeigt sich, wie Spuren der Geschichte sich wie Korallen an Örtlichkeiten ansiedeln. Paradox: Die Verhüllung des Triumphbogens entkleidet das Bauwerk von den Ablagerungen der Geschichte. Es wirkt wie ein Akt (in seiner doppeldeutigen Bedeutung) der Befreiung.

Freiheit bedeutet für den Pariser, „die Straße zum Interieur“ zu machen (Walter Benjamin, Passagen-Werk, Band 1, Seite 531). Dem Flaneur eröffnet sich Paris „als Landschaft und umschließt ihn als Stube“ (ebd. Seite 525). Doch in dieser „Stube“ halten sich nicht alle freiwillig auf. Während die Pariser und die Touristen in den Cafés und Bistrots einen Kaffee trinken und ein Croissant essen, schläft auf dem Sims des Schaufensters des Möbelhauses „Habitat“ am Platz der Republik ein Obdachloser. Einer von vielen, die ihr „Interieur“ auf den Pariser Plätzen und Straßen aufstellen, die Verpackungsmaterial wie Kartons oder Planen nutzen, um ihre Habseligkeiten und sich selbst zu schützen. Die Obdachlosen erinnern uns an die Profilierung der Straße in der Gegenüberstellung zum Weg bei Walter Benjamin:
„Wer aber eine Straße geht, braucht scheinbar keine weisende, keine leitende Hand. Nicht im Irrgang verfällt ihr der Mensch sondern er unterliegt dem monotonen, faszinierend sich abrollenden Asphaltband“ (ebd. Seite 647).
Der Weg dagegen folgt unberechenbaren Wendungen und führt die „Schrecken des Irrgangs mit sich“ (ebd.). Die wohnungslosen Menschen, die den Flaneur auf der Straße auf eine Zigarette oder einen Euro ansprechen, brechen das Konzept der Straße auf und stellen sich in den Weg der Sorglosigkeit des Flaneurs.
Christo selbst war als Flüchtling aus Bulgarien nach Paris gekommen. „Das möglichst dichte Verpacken von (…) Sachen (…) ist der Reflex aller Flüchtlinge“ (SZ ebd.). So schließt sich der Kreis über die Menschen, die auf der Straße wohnen, wieder am Ufer des Kreisverkehrs am Place Charles de Gaulle und dem verhüllten Triumphbogen.

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