Ich mag es, wenn einzelne Erlebnisse, Beobachtungen und Lektüre sich wie die Fäden eines Spinnennetzes zu einem mehr oder weniger geordneten Ganzen zusammenfügen. Man nennt es auch: Sinn ergeben.
Das kaputte Fernglas meines Vaters (siehe auch mein Beitrag „Ein Fernglas, ein Hase, eine Bohrmaschine, ein Kerzenständer – und eine erotische Szene“ https://karsten.home.blog/2020/05/02/ein-fernglas-ein-hase-eine-bohrmaschine-ein-kerzenstander-und-eine-erotische-szene/) habe ich dem Müll überantwortet. Also schenkte mir meine Frau vor zwei Tagen zu Weihnachten ein neues Fernglas. Da sich in diesen Zeiten Spaziergänge einer Wiederbelebung erfreuen, brachen wir heute Mittag auf, um mit unseren Weihnachtsgeschenken zu spielen. Meine Frau mit ihrer Smartuhr (Navigation, Überwachung der Körpersignale, Entfernungsmesser) und ich mit besagtem Fernglas. Schon ärgerte ich mich, das Gerät mitzuschleppen, da weit und breit nichts den Aufwand, es aus der Tasche zu nehmen, zu rechtfertigen schien. Die 25 Stockenten am Teich watschelten so nah an uns heran, dass ein Blick durch das Fernglas nicht lohnte. Ein plötzlich eintretendes Schneegestöber, von der Smartwatch nicht vorhergesagt, erzwang die Umkehr. Um das Fernglas wenigstens einmal zum Einsatz zu bringen, richtete ich es auf zwei Vögel, die ich aus der Entfernung nicht identifizieren konnte und in einem kleinen Waldabschnitt kurz aufflogen. So einen Vogel hatte ich noch nie in freier Wildbahn gesehen und wünschte mir sofort ein smartes Fernglas, das Fotos machen kann. So muss man sich schließlich die Merkmale merken, bis zu Hause das Bestimmungsbuch Rat erteilen kann. Ich habe alle Bücher ausgepackt und befragt.

cof
Es war ein recht gewöhnlicher Vogel: die Wacholderdrossel.
Mit ihrem bläulich-braunen Kopf und Nacken, der rostgelben Brust und dem bräunlichen Rücken ist sie eine unserer ‚buntesten‘ Drosseln (Das große Vogelbuch in Farbe, Seite 267).

Das große Vogelbuch in Farbe 1977
Ihr Gesang ist angenehm halblaut (ebd.), was eine schmeichelhafte Beschreibung des Gesangs eines Vogels ist, der überhaupt nicht singt! Sie schackert, schärrt. rattert, klickt, schrillt, gickst nämlich mehr als sie singt. (Peter Krauss – Singt der Vogel, ruft oder schlägt er? Seite 179) Ihr Gesang ist, verglichen mit dem „schönen Flöten“ anderer Drosseln, eher kümmerlich und kratzend (Michael Lohmann – Vögel am Futterhaus, Seite 44).

Singt der Vogel, ruft er oder schlägt er,? 2017
Dafür mundet sie umso besser. „Dieser Vogel ist seer lieblich und wohlgeschmackt, darumb wirt er, als ein besonderer Schleck, zur Speyss auserkoren“ (Lieckfeld/Strass – Mythos Vogel, Seite 155 Konrad Gesner (1515-1565) zitierend). Das soll an der Lieblingsspeise dieser Drossel liegen, den Wacholderbeeren oder Krammetsbeeren.

Seit Tagen denke ich darüber nach, wie ich den Wacholder fällen kann, der aus Nachbarins Garten in meine Beete herüberwächst. Sollte ich das überdenken, um Wacholderdrosseln anzulocken und zu fangen?
Besser nicht. Denn die Wacholderdrosseln gelten als Pioniere des Zielbombardements. Sie zielen auf Feinde mit ihrem Kot. (Lieckmann/Strass. Seite 157).
Im Englischen heißt die Wacholderdrossel fieldfare, was so viel bedeuten könnte wie „Wanderer zwischen den Feldern“ (vgl. die englische Wikipedia). „Fieldfare“ ist auch der Name einer in Hessen angesiedelten Destillerie, die aus Wacholderbeeren Gin herstellt und den Vogel als Emblem auserkoren hat. Ein spannendes Experiment wäre, nur noch Getränke zu konsumieren, auf denen sich Abbildungen von Vögeln finden. Diverse Weine fallen mir ein, aber gibt es auch ein Mineralwasser, dessen Abfüller einen Vogel als Emblem auserkoren hat? Hat jemand Vorschläge für Getränke mit Vogelemblem? – bitte als Kommentar einfügen!)
Ein Kreis schloss sich, während mein Blick beim Kaffeekochen auf dem Tischset, das mir meine Frau 2019 in Dänemark gekauft hat, ruhte. Auch da erschien sie mir wieder – Turdus pilaris!

cof

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